Wir sind zu vergänglich

Portrait1920klb5 Stunden Schlaf und dann der Termin um 8 Uhr. Das Telefonat – bloß nicht vergessen. Ein weiterer Eintrag in den Terminkalender. Ein kurzes Zögern – der Platz wird knapp. Und mattes Grau, müdes Dunkel. Der Himmel gähnt und drückt sie in schläfrige Tiefen. Und das Bett – noch gemütlicher, vielleicht der Himmel auf Erden. Rückenschmerzen. Der Kopf brummt – schneller! Heute bloß die U-Bahn nicht verpassen. Der Stundenplan ist streng. Heute hat sie ihren langen Tag. Den ersten von sieben. Nur noch kurz liegen bleiben – einen winzigen Augenblick so tun, als wäre all das meilenweit entfernt…

Metallstufen und die rote Sonne, die durch die Gitterstäbe tritt. Sich verheißungsvoll um ihre Knöchel wickelt, sie Stufe für Stufe nach oben führt.Unabwendbar, Schritt für Schritt.  Strahlen wie vergoldete Arme, die sich um ihre Schultern legen und ankündigen, wovon sie nur wenige Höhe und tausende Meter trennen. Tausende Meter Leichtigkeit, tausende Meter Schwerelosigkeit. Und eine starke Hand, die sie die farbenprächtigen Stufen hinaufzieht. Die Ketten von ihrem Leib löst, ihren zarten Körper von Pflicht und Starre und Frostigkeit befreit. Wärme strömt durch ihren Körper. Tau. In diesem Moment.

Sie kneift die Augen zusammen, wehrt sich gegen messerscharfe Sonnenstrahlen. Zu früh. Aber so schrecklich spät dran. Nur noch ein Moment, bitte – einen Moment zu lange.

Behutsam streicht sie über sandiges Weiß. Lässt die Körner fast bedächtig durch ihre Finger gleiten. Atmet das Gefühl ein und hält die Luft an. Um es nie mehr ausatmen zu müssen. Ein Windstoß streicht ihr das salzige Haar über die Schulter. Seine Finger sind es, die ihr die letzte Strähne hinter das Ohr steckt. Rauschendes Meeresflüstern und übermütiges Kichern. Mächtige Felsen, königliche Unendlichkeit. Ebbe, die ihr Ruhe gibt. Ruhe und Gelassenheit und den Strand zu einem Fleckchen Frieden macht. Unendliches Meerwasser, in das sie eintaucht, schwerelos, kraftvoll. Sich den Druck mit fließender Wucht vom Leib wäscht. Und dann die Flut, die sie mit Sorglosigkeit übermannt. Tobende Wellen reflektieren in ihrem entflammten Blick. Sie absorbiert gierig jedes Detail, jeden Moment. Meißelt den Augenblick in ihre Erinnerung, verewigt das Jetzt auf ihrer Haut.

IMG_2682klBraune abgesessene Autositze, abgenutzt von Erinnerung und Traum, von Aufbruch und ewigem Streben. Ein Traumfänger – kitschig irgendwie. Lustig – an einem Ort, an dem Träume wahrscheinlich wahr werden. An einem Ort der Unbeständigkeit, in Zeiten, die so erstaunlich schnell verfliegen. Weil sie so wertvoll sind. Ein Traumfänger, der sie daran erinnerte, diese kostbaren Schätze nicht verblassen zu lassen. Zu erleben und zu leben. Quietschende Reifen und Lieder, die sie nicht kennen. Und trotzdem lauthals mitsingen. Gedämpfte Gitarrensaiten und bohrender Bass. Das Lachen immer ausgelassener, der Körper durchflutet von Zufriedenheit. Noch einmal – Luft anhalten. Sandkörner und Meeresrauschen und die herrlich freie Luft. Und dann- Fahrt aufnehmen. Wir sind zu vergänglich, um die grenzenlosen Möglichkeiten verstreichen zu lassen.

Light1920bkl– Nur noch einen kurzen Moment.

Körper an Körper und unbekannte Gesichter. Dann seine Hand, so vertraut. Diese heimische Stimme an ihrem Ohr – Geborgenheit. Und Stadtlichter, in allen Farben, so weit das Auge reicht. Herrliches Getümmel, wunderbares Treiben, wohin sie auch blickt. Überwältigend, diese Farbenpracht, die Vielfalt. Die Stadtriesen scheinen einen erbitterten Kampf aufzuführen, höher größer, prächtiger! Mächtiger.

Und im Zusammenspiel – ein wunderbares Spektakel. So schnelllebig und reich an Individualität, an Möglichkeiten, an Wegen, die man einschlagen kann. Sie absorbiert jedes Detail mit all ihren Sinnen und will noch mehr. Komm schon, weiter! Und herrliche Klänge, von allen Ecken! Eine Laterne in der Dunkelheit, die die Straßen und ihr Herz erleuchtet. Betört von Stimmengewirr und glasklarem Gelächter, von wallenden Roben und leuchtender Diversität, getrieben von ihrem Durst nach mehr. Körper an Körper und unbekannte Gesichter. Ein freundliches Lächeln und das erste Hallo. Wir sind zu vergänglich, um nicht jeden Moment mit vollem Geiste auszukosten.

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Ein paar Jahrzehnte und tausende Kilometer, die zurückgelegt werden wollen. Augenblicke, die zelebriert werden müssen. Sorgen, die vergessen werden dürfen und anstoßen auf Fehler und Scheitern, auf Triumph und Glückseeligkeit, Lebendigkeit, Unendlichkeit. Das Lächeln wie eingemeißelt und das Gefühl, vollends angekommen zu sein. Ihren Platz gefunden zu haben. Am Ende des Planeten oder irgendwo mitten drin. Zuhause zu sein. Zuhause in der Welt.

Der erste lange Tag von sieben. Aber dieses Mal lebendiger. Und dann – den Druck abwaschen. Mit fließender Wucht.

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IMG_2510klIMG_2578klbstreets1920klIMG_2816klbDie Bilder sind an einem wunderbaren Tag mit den beiden lieben, talentierten Fotografen Caro & Philipp entstanden.

Pullover von Promod
Mantel von Mango
Schal von Zara
Treggings von H&M
Tasche von Zara
Schuhe von H&M (ähnlich hier)

2 Comments

  • Reply Jacky 20. März 2016 at 17:45

    Wunderschöne Bilder von dir!

    Liebe Grüße,
    Jacky

    Ps: Bei mir läuft noch bis Mittwoch ein Gewinnspiel (ihr könnt instax Filme für eure Sofortbildkamers absahnen) http://www.vifer-photography.blogspot.com

    • Reply Joana Catarina 20. März 2016 at 22:59

      Danke Jacky, sehr lieb! ♥

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