Wildicate Streetstyle Black and White

Wir haben kein Zeitlimit

Ich habe ein neues Projekt.
Die letzten beiden Nächte konnte ich kaum schlafen.

„Ich hab mit ein paar Leuten geredet und alle sind überrascht, weil ich so schnell bin. Wieso stressen wir uns überhaupt so? Es gibt doch gar kein Zeitlimit.“
Ruhelos laufe ich durch die Wohnung, beiße mir gedankenverloren auf den Zeigefinger. Lasse seine Worte wieder und wieder wie einen Pingpong-Ball durch meine Gedanken springen, hin und her. Bis er sich einpendelt.
„Du hast Recht. Aber ich mach das irgendwie immer so.“
Er ist hungrig, also legen wir auf. Ich setze mich und meine tanzenden Finger kommen zur Ruhe. Doch meine Gedanken übernehmen.
Ich mach das immer so. Wieso überhaupt?

Ich habe ein neues Projekt.
Die letzten beiden Nächte konnte ich kaum schlafen.
Am allerliebsten wäre ich um zwei Uhr morgens im Pyjama auf die Straße gestürmt, um an sämtliche Haustüren zu klopfen. Es allen erzählt. Die Nachricht in den Wind geschrien, damit er sie in die ganze Welt hinausträgt. Um dann schleunigst anzufangen.
Überhastet.

Ich weiß nicht, ob das Auslandssemester das Richtige für mich ist.
Aber ich will es wissen, jetzt.
Will mich entscheiden, sofort.
Obwohl ich, was Entscheidungen angeht, zuweilen eine unrettbare Katastrophe bin.

Ich will den Bachelor in der Tasche haben.
So schnell und so gut wie möglich.
Am liebsten jetzt, sofort. Und dann mit dem ersten Zug nach Berlin oder noch weiter weg.

Ich will es alles, ich will es jetzt.

Vielleicht ist es die Gesellschaft, die uns auf die Hirnhaut tätowiert hat, dass der schnellste Weg der beste ist. Vielleicht war ich’s aber auch ganz einfach selbst.
Ich bin im Kopf immer mindestens zwei Schritte voraus und verfalle ich einer Sache, dann völlig und augenblicklich. Dann veranstalten meine Gedanken Sitzstreik genau so lange, bis sie zufrieden sind.
Bis ich einen dicken grünen Haken dahinter setzen kann.
Und vorher komme ich nicht zur Ruhe. Muss meine Gedanken rasen, meinen Körper schaffen lassen.

Bis mein bester Freund um die Ecke kommt und mir einbläut: Es gibt kein Zeitlimit.
Und ich erkenne, was auf der Hand liegt, dass das einzige Zeitlimit, das mir durch die Träume spukt das Resultat meiner eigenen Grübelei ist – die Ungeduld. Ich bin schrecklich ungeduldig und eigentlich weiß ich, das war ich schon immer.

Dann folgt Hast. Dann überstürze, überspringe, übersehe, streiche ich Dinge. Dinge, die mir eigentlich am Herzen liegen.
Lebe gelegentlich in der Zukunft, verliere den Blick für das Gegenwärtige.

Ich mach das immer so. Wieso überhaupt?
Meine tanzenden Finger kommen zur Ruhe. Meine Gedanken auch. Ich atme aus.
Er hat Recht.
Wir sind so jung. Und wir sind reich, reich an kostbarer Zeit, die es zwar nicht zu verschwenden gilt, doch noch halten wir sie fest in unseren Handflächen. Und ich möchte sie auskosten, mir jeden Moment auf der Zunge vergehen lassen. Im Jetzt.

Ich habe ein neues Projekt.
Ich bin zuversichtlich, heute Nacht schlafe ich durch.
Weil ich morgen daran arbeiten kann, gewissenhaft.
Passiere die Abzweigung nicht mit dem Kopf in den Wolken, den Blick im Morgen,
Nicht dieses Mal.
Wappne mich mit Geduld, schultere Beharrlichkeit.
Denn diesen Moment hat etwas Anderes, nicht minder Wichtiges inne.

Wir haben kein Zeitlimit.

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