Brief

Wieso wir wieder mehr Briefe schreiben sollten.

Brief

Meine liebe A., meine liebe L.,

Das ist jetzt schon der zweite Brief und wieder fliegt er mir ganz unerwartet zu. Fühlt sich fast seltsam an, kräftiger Strich, mächtige Worte auf rauem Papier. Zwei, das ist nicht viel, aber wesentlich mehr, als es die letzten Jahre gewesen ist. Ich kann noch nicht einmal sagen, wie lange es eigentlich her ist. Früher hatte ich eine Brieffreundin, ich meine ganz früher, der ich wöchentlich einige Zeilen schrieb, nachdem sie weggezogen war. Mich stets mit bedachtester Ernsthaftigkeit darum bemüht hatte, dass der Brief sie erreichte. Bald. Am liebsten morgen. Bis ein Brief liegen blieb, auf dem Stapel von Papier – und verschluckt wurde, sich verlor. Und wir uns verloren, noch im selben Atemzug. Ein Ball, den ich nicht zurückpasste und so das Spiel beendete, ausgebliebene Worte, die kein Echo erwarten durften.

Wir haben uns Briefe geschrieben, als wir Kinder waren. Als wir auch sonst kein Blatt vor den Mund genommen haben. Als es absolut unvorstellbar war, einen guten Freund zu verlieren, so endgültig. Doch abgesehen von verschleuderten Floskeln, deren schlechtes Gewissen das karierte Blockpapier aufquellen ließen, abgesehen von einer brüchigen, vertrockneten Farbpalette der Entschuldigungen die sich formlos, sinnlos über zerknitterte Notizzettel ergossen, waren die letzten niedergeschriebenen Worte meiner Brieffreundin wohl einer der letzten unerwarteten, aufrichtigen Brief gewesen, der mir seither zugedacht war. Denn das haben wir irgendwann verloren, ist uns im Fahrtwind des Schnellzugs entwischt, das Gefühl in der Hand, die Geduld in der Brust, den Gedanken auf der Zunge. Damit haben wir aufgehört, die meisten von uns. Kaum noch schreiben wir längere Texte per Hand und keinesfalls einen Brief einfach nur so, völlig ohne Anlass. An die Liebsten, den Geliebten. Ohne einen vorhergegangenen Streit, der uns die Feder in die Hand zwingt und auch mehr als eine Geburtstagskarte. Ich denk an dich, eingehüllt in Geschichten und Gedanken. Einfach nur so.

Heute bedeutet Post zumeist nichts Positives. Rechnungen und Mahnungen und Werbung, Dutzende davon. Der Gruß, ein Lächeln eines Freundes hat sich in die hässliche Fratze schlechter Nachrichten verwandelt – und das ist so schade. Die Tatsache, dass mich gleich zwei Briefe in so kurzer Zeit erreichten, so unerwartet, so wunderbar, gaben mir mehr als liebe Worte von euch, von guten, von besten Freunden. Aufrichtigkeit. Dankbarkeit. Melancholie. Worte der Erinnerung, Worte des Jetzt. Die Sehnsucht nach einer Tasse heißem Tee, einer gedimmten Schreibtischlampe. Einem Blatt Papier und meinen Gedanken. An euch. An das, was mich bewegt, genau jetzt. Unmittelbar. Das habe ich schon so lange nicht mehr gemacht. Vergessen, wie gut das tut. Vergessen, wie schwierig es ist. Nicht an ein weißes Blatt Papier, irgendwie an mich selbst, sondern an ein Gegenüber zu schreiben.

Brief

Es ist schon eine Weile her –

Wie unbeholfen es sich anfühlt, nichts als die unverhohlene Wahrheit in Worte zu verwandeln, in die richtigen. Wie viel Zeit es in Anspruch nimmt, diese zu finden. Während meine Finger meist über die Tastatur fliegen, brauchte ich Zeit, um mich zu sortieren. Abzuwägen, auszuwählen. Und einmal ganz bei mir selbst, bei dir und unweigerlich aufrichtig zu sein. Und das nicht einfach so zwischendrin. Denn so wenig von den Worten, die wir uns tagtäglich über Social Media reichen, sind so schwerwiegend, so nachdenklich. Auf diesem Terrain bleiben wir viel zu gerne an der Oberfläche. Winken uns im vorbeigehen zu. Und haben es mit dem nächsten Wimpernschlag schon wieder vergessen. Denn die Schnelllebigkeit des Alltags droht uns den Atem zu nehmen, wir müssen weiter. Da stehen Erledigungen und Termine und andere aufleuchtende Chatfenster zwischen uns.

Ich möchte mir wieder mehr Zeit dafür nehmen, von jetzt an. Briefe schreiben, wenigstens hin und wieder. Besser darin werden, in mich hineinzuhorchen. Besser darin werden, den geschriebenen Worten zuzuhören. Zu antworten, auch darauf, was zwischen den Zeilen hängt. Wir sollten wieder mehr Briefe schreiben. Denn wahrscheinlich gibt es durch Distanz, sei sie räumlich, zeitlich, oder gar beides, keinen besseren Weg, sich anzunähern. Dem Anderen – und auch sich selbst. Und kaum ein behaglicheres Gefühl vermag es in diesen getakteten Alltag zu treiben und mich abzuholen, mit einem Lächeln des unerwarteten Glücks, der Dankbarkeit. Der Echtheit. Eine Umarmung aus der Ferne.

Wir sollten wieder mehr Briefe schreiben. Einfach nur so.

In Liebe,

Joana

writing a letter

 

8 Comments

  • Reply Kim 17. März 2018 at 14:56

    Wunderschön geschrieben! Ich finde auch, dass man mehr Sachen vor allem auch handschriftlich schreiben sollte. Ich schreibe zu Geburtstagen immer längere Briefe und für mich selbst mal meine Gedanken auf, aber mehr leider auch nicht 🙂

    Liebe Grüße
    Kim 🙂
    https://softandlovelyx.blogspot.de/

    • Reply Joana Catarina 18. März 2018 at 13:45

      Vielen Dank, liebe Kim!
      Es ist aber auch einfach unglaublich entspannend, sich einfach mal hinzusetzen, und die Gedanken zu entzerren, indem man etwas aufschreibt, wenn auch nur für sich selbst. Finde den Gedanken auch schön, Briefe an sich selbst zu schreiben, oder vielleicht an ein älteres Ich 🙂

  • Reply Jessy 16. März 2018 at 17:12

    Mit Briefe schreiben verbinde ich ganz viel Persönliches. Vor allem schreibt man nur den Menschen, die einem wirklich viel bedeuten. Vor allem liebe ich es auch in alten Briefen zu stöbern und sie noch einmal zu lesen – das ist fast wie wenn man seine alten Tagebücher liest 🙂

    Liebe Grüße Jessy von Kleidermaedchen

    • Reply Joana Catarina 18. März 2018 at 13:43

      Ja da stimme ich dir voll und ganz zu! Das erinnert mich die Art von Ständen auf Flohmärkten, die Jahrzehnte alte Briefe für wenige Cent verkaufen. Könnte mich da stundenlang drin verlieren – wie viel an einem Stück Papier hängen kann, ist immer wieder beeindruckend 🙂

  • Reply Cherifa 14. März 2018 at 12:05

    Ich bin auch ganz bei dir! Briefe sind einfach so persönliche und schöne Art sich auszudrücken. Ich habe auch vor ein paar Wochen einen Artikel dazu geschrieben. Wirklich schöne Gedanken Liebes.

    Liebe Grüße
    Cherifa
    http://www.curlsallover.com

    • Reply Joana Catarina 15. März 2018 at 19:48

      Genau, und so eine tolle Möglichkeit, jemandem ganz überraschend eine Freude zu machen!
      Klingt gut, ich werde mir deinen Blogpost dazu direkt durchlesen. 🙂

  • Reply Maj-Britt 13. März 2018 at 23:27

    Oh wow, du hast wirklich eine tolle Art zu schreiben. Ich hatte richtig das Gefühl von deinen Worten „eingesogen“ zu werden.
    Ich persönlich finde es schade, dass wir alle immer weniger schreiben, dass gilt nicht nur für Briefe, sondern auch für Geburtstagskarten, Einladungen, Postkarten,…
    Ich schreibe leider auch so gut wie keine Briefe mehr, aber zu Geburtstagen schreibe ich meinen Freunden immer zwei Seiten und ich sende aus dem Urlaub sehr gerne eng beschriebene Postkarten.

    Alles Liebe,
    deine Maj-Britt

    • Reply Joana Catarina 15. März 2018 at 19:51

      Liebe Maj-Britt,
      vielen Dank für dein liebes Kommentar! Das ist wirklich eins der schönsten Komplimente überhaupt für mich 🙂
      Ich finde es sooo toll, wenn man sich in Gewissen Momenten die Zeit und Ruhe dazu nimmt, einer Person auf eine so schöne Art an seinen Gedanken teilhaben zu lassen. Und die Postkarten sind auch eine super schöne Art und Weise, um den Liebsten zu zeigen, dass man selbst an einem fremden Ort und zwischen unendlich vielen neuen Eindrücken immer an sie denkt!

    Leave a Reply