Portrait in Café

Wieso ich gerne alleine bin

Ich mag die Menschen um mich, mein Lachen in der Stimmenflut zu verlieren, mein Gegenüber durch ein zustimmendes Anstupsen zu berühren. Ich brauche die Menschen um mich, um mich lebendig zu fühlen und manchmal zu ignorieren, was mir sonst vielleicht das Lächeln raubt. Gehe Kompromisse ein, denn das tut man so, entscheidet man zu zweit und nicht allein. Und das ist gut. Denn teile ich mit dir, was ich sonst nur alleine und still genießen kann, meine eigene Leinwand mit Erinnerung zu bemalen, die ich niemandem als mir selbst zeigen kann. Weil das Bild im nächsten Augenblick schon gänzlich anders aussieht und auch eine Fotografie davon einfach nicht dasselbe hergibt. Weil ich nicht glaube, dass die Linse den Moment so vollkommen, so spürbar einfangen kann, wie er ganz unvermittelt kam. In diesem Augenblick.

 

Und jetzt sitze ich hier, wie gestrandet nach der Flut, ohne Stimmen, ohne euch, ohne dich. Und blicke an die noch immer leere weiße Wand, die wirklich ein paar Bilder vertragen kann, blicke in ihr gähnendes, in ihr leeres Nichts. Nichts Neues gibt sie mir, keine neuen Geschichten, keinen Anlass mehr, zu dichten oder mich durch ein paar Worte ganz wo anders hin zu entführen. Doch glaube ich, loszuwollen, ist da Treibsand, Sand zu meinen Füßen der mich hält und zwingt einzubüßen, was nur das Stolpern in etwas Fremdes mir gewähren kann. Raue Körner, die mich halten, weil ich sie nicht mitnehmen, nicht bewegen kann und unfähig bin, über die Schulter zu sehen. Und den Weg in die andere Richtung zu gehen – etwa nur mit mir.

Portrait in Café

Wann ist das passiert, dass wir alleine zu einsam gemacht haben? –

– Und irgendwie aufgehört haben uns zu fragen, was wir tun wollen, so nur für uns selbst.
Nur mit mir d
ie Tasse Kaffee zu trinken, diesmal nicht in den eigenen vier Wänden – um so gegen unerfüllte Wünsche anzukämpfen.

Ich bin alleine in diesem Café. Mit mir selbst. Obwohl die Tische um mich gefüllt sind mit wilden Gesten, klappernden Untertassen, Gelächter. Das habe ich mir angewöhnt, vor einer Weile – denn das Schreiben fällt mir manchmal leichter, wenn ich mitten drin bin. Und nicht fernab von alldem, an meinem Schreibtisch, abgeschottet von hier draußen durch dicke Wände, geschlossene Fenster. Dann reicht es manchmal nicht, diese zu öffnen und mit dem Wind das Geräuschorchester des Alltags hineinzulassen.
Ich sitze hier und merke, während ich meine Finger behutsam über die Tasten wandern lasse, dass ich nicht die Einzige bin. Nicht die Einzige, die ausgerüstet mit Laptop oder einem Buch mit sich und ihren Gedanken an einem Tisch sitzt. Die Blicke durch den Raum schweifen lässt und wahrnimmt. Ohne Zwischengeräusche, ohne Ablenkung. Mit allen Sinnen. Jeden aufblitzenden Funken, der durch die Luft wirbelt und wieder erlischt, binnen Sekunden. Das stetig plätschernde Wasser, Gläser, die über den Tisch geschoben werden, Tasten, die durch tanzende Fingerspitzen angetippt werden, murmelndes Kichern, den geschäftigen Verkehr in der Ferne. Einen flüchtigen Luftzug auf der Haut, der bittersüße Nachgeschmack meines Cappucinos. Ein bekanntes Gesicht, ein Hallo. Wir plaudern ein wenig, bis sie los muss und dann bin ich wieder alleine – ohne dabei einsam zu sein.

Dass einsam und alleine so häufig synonym verwendet werden, gibt Zeit mit sich selbst zu verbringen einen Beigeschmack so bitter wie eine unreife Grapefruit. Und daran sind wir letztendlich selbst Schuld. Und vermag ich mir nicht zu erklären, woher die Angst davor, schöne Dinge alleine zu tun, überhaupt herkommt. Dabei lässt sich das große Ganze auf diese Weise so viel klarer, so unmittelbarer wahrnehmen, nimmt man es nur für sich. Ungefiltert. Kompromisslos. Und doch erlebe ich es immer mal wieder, dass Mitmenschen jemanden, der alleine mit einem Buch auf der Parkbank sitzt, schief anschauen. Ein unschönes Kommentar wie dreckige Kleidung in die Luft hängen und weitergehen.

Collage mit zwei Portraits

Verpasste Gelegenheiten

Verfallene Konzertkarten. Fernweh, das solches bleiben sollte. Ein duftender Sommertag, vor dem ich mich versteckte. Dieses Restaurant, dessen Küche ich nie kostete.

Weil ich es nicht alleine tun wollte. Weil ich dachte, ich würde mir seltsam dabei vorkommen – und das ist so unbegründet, so falsch. Wahrscheinlich kann ich es nicht mal mehr an beiden Händen abzählen, wie viele Gelegenheiten und Erlebnisse ich mir selbst verwehrt habe. Früher mehr, mittlerweile immer weniger.
Dabei sehe ich meine Lieblingsband lieber alleine, fiebere und fühle mit jeder Körperfaser mit, bin dort voll und ganz ich selbst, als jemanden mitzunehmen, der dieser Gefühlsflut nichts abgewinnen kann und Unbehagen schweigt. Und mich dabei hemmt. Lieber koste ich das Essen im neuen Laden um die Ecke nur in meiner eigenen Begleitung, als den Genuss vom Missfallen meines Gegenübers vernebeln zu lassen.
Oder schlimmer noch – einfach selbst nicht zu gehen. Zu verpassen, was bereichert, erfüllt, belehrt. Die Wand weiß zu lassen, während schreiende Farben unbeachtet im Malkasten bleiben.

Alleine sein bedeutet – unabhängig sein.

Wenn ich etwas tun möchte, erleben will und das vom ganzen Herzen – dann tue ich das. Selbst, wenn ich es alleine tue. Und mehr noch: Ich tue es absichtlich alleine. Weil ich die Dinge viel unmittelbarer, klarer wahrnehme. Scharf wie ungeschliffenes Glas. Weil ich es nur für mich tue und für niemanden sonst. Mich nicht einschränke, bei etwas, was mich beim Herzen packt, lächeln, auflachen, jubeln lässt. Weil ich dabei keinen Kompromiss eingehen muss, keinen Abstrich mache. Selbst entscheide, ob ich rechts oder links gehe.

Ich mag die Menschen um mich, mein Lachen in der Stimmenflut zu verlieren.
Ein Erlebnis zu teilen ist wundervoll. Freundschaft und Familie und ganz ganz viel Zeit mit den Geliebten, das ist wichtig, das ist goldwert.
Aber ich genieße es, hin und wieder bewusst einen Tag alleine zu verbringen. Nur auf mich selbst zu hören. Meinem eigenen Impuls zu folgen. Meinen Gedanken Raum zu geben, sie sprechen zu lassen, mich ihnen hinzugeben. Dinge zum ersten Mal zu tun. Dinge zu tun, die sonst viel zu kurz kommen. Und zwar da draußen. Im Café, im Museum, bei einer Lesung, auf einem Konzert.

Mit mir, für mich.

Portrait

 

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