Von der Notwedigkeit zu Scheitern

Mit schnellen Schritten gehe ich unter einem schwarzen Himmel, will mich beeilen, ihr entkommen, der Kälte, die mich längst am ganzen Leib gepackt hat. Die nackten Äste recken sich wie magere Finger nach den unsichtbaren Sternen – ich glaube, sie vielleicht eine Ewigkeit nicht mehr gesehen zu haben. Ich vergesse es immer wieder, dass es Zeit braucht – Zeit, bis die schutzlosen Zweige wieder Kleider tragen, bis die Kälte sich ganz klein macht, so unscheinbar, dass sie mir noch nicht einmal mehr nachts begegnet. Und ich kann es kaum erwarten. Aber wahrscheinlich brauche ich es manchmal, den stillen Frost, die Melancholie. Die andere Seite. Aus der die Wildblumen sprießen, wenn es soweit ist. Eine unabdingbare Notwendigkeit, dessen ausdrucksloses Gesicht ein herzliches, ein einladendes Lachen folgt.

Portrait mit weitem Pullover am Fenster

Es ist Winter, ein Winter, der mit seinen starren Fingern die ersten Frühlingstage vereinnahmt und ja, vielleicht tut es jetzt noch mehr weh, zu fallen, zu scheitern. Oder einfach losgelassen zu werden. Allein schon die Angst davor. Denn die feste, gnadenlose Eisschicht schmerzt mehr als ein Bett aus Gras. Zu versagen, stehenzubleiben, sogar einen Schritt zurück zu tun – davor fürchte ich mich, fürchte mich davor wie vor dem tiefsten Grund des Ozeans. Weil ich manchmal glaube, nicht zu wissen, was dann kommt. Wenn man alle Zeit und Kraft und Leidenschaft hineinsteckt und – enttäuscht wird. Und diese Enttäuschung zurückfällt auf einen selbst. Die Angst vor Verwundung durch einen unerwarteten Rückstoß – manchmal scheint es, als sei es das Beste, aufzugeben, den Rücken zu kehren, ganz heimlich. Unbemerkt. Bevor man einen Fehler macht. Einen Fehler, den man nicht kommen sah, nicht zu korrigieren weiß.

Da gibt es einiges, was ich wollte. Wirklich, wirklich unbedingt. Vom ganzen Herzen begehrte und jede Körperfaser damit auflud. Um es dann in den Wind zu jagen, oder, um es mir nehmen zu lassen, aus einem falschen Impuls heraus, aus Unachtsamkeit oder einfach durch das, was wir Schicksal nennen. Einen Studienplatz, dieses Gefühl, jene Anerkennung. Diesen einen Freund, dieses wahnsinnige Talent. Diesen Lebensweg, genau auf diese Art und Weise. Denn das Leben sind wir, wie wir Pläne machen, Hoffnungen hegen, mit der Entschlossenheit, unseren Weg erfolgreich zu durchwandern – während das Schicksal uns dazwischenfunkt. Und das ist gut so. Irgendwo – leider habe ich vergessen, wo genau – habe ich dieses Zitat, wenigstens dem Sinne entsprechend gehört – und das stimmt. Sicherlich bin ich gescheitert, und das weit mehr als einmal und damit bin ich wohl nicht alleine. Aber sitze ich nun im Warmen und tippe die Zeilen zu einer Playlist, die dem Frühling entwachsen ist – und ihrer Zeit damit vielleicht etwas vorauseilt, mag schon sein.

Ich meine damit, dass es gut war. Das Scheitern, die Rückschläge. Jeder einzelne davon. Nicht nur gut, nein viel mehr als das: notwendig. Denn was scheint, in Wut und Tränen und Mutlosigkeit zu enden, hat das Potenzial, sich in etwas viel Wertvolleres zu verwandeln, als bedingungsloses Ja, niemals hinterfragte Zustimmung, in welche Richtung man auch blickt: und das ist, ganz banal, Erfahrung. Erfahrung, die Erfolge und Jubelschreie mit sich ziehen, noch größer, noch lauter, als wir es uns jemals ausgemalt hätten. Was wir uns wahrscheinlich alle schon eine Million Mal anhören durften, während wir völlig verzweifelt und entmutigt im Bett kauerten und uns nicht gut genug fühlten, ist wahr, irgendwie. Eine Frage der Einstellung – aber unter gar keinen Umständen falsch.

Collage: Portraits mit weitem Pullover am Fenster

Deshalb bin ich dankbar für die Absage.
Dankbar für eine verflossene Liebe.
Dankbar für die ausbleibende Antwort.
Dankbar für eine böse Überraschung.
Dankbar für unerwartete Tränen.
Dankbar für Tränen, die ich kommen sah, aber nicht abzuwehren vermochte.

Denn ich bin an einem Punkt, an dem ich wirklich glücklich bin. Und auf so vieles blicke, auf das ich mich freue wie ein kleines Kind, sodass mir das Grinsen bis zu den Ohren reicht und noch weiter. Dass meine Tränen nicht Produkt der Enttäuschung sondern Früchte des Glücks sind. Ich spüre am eigenen Leibe, dass ich mich einpendele, immer mehr. Und ich bin überzeugt, dass ich ohne das Scheitern schwächer wäre. Unerfahrener, natürlich. Nicht gewappnet auf das Jahr voller Ungewissheit, neuen Erfahrungen, ersten Malen. Ich bin überzeugt, dass ich diesem einen besonderen Menschen nicht begegnet wäre, hätten meine Pläne sich alle so bewahrheitet, wie ich es vorgesehen hatte. Dass mir Türen verschlossen geblieben wären, dass ich sie nicht einmal wahrgenommen hätte. Hochnäsig an ihnen vorbeistolziert wäre. Ich glaube, dass mir nicht diese unglaubliche Chance zugesagt worden wäre, ab September fünf Monate in Lissabon zu leben, meiner Herzensstadt, in dem Land, in dem meine Wurzeln liegen. Um diese mit allen Sinnen kennenlernen zu können, mir so einen Kindheitstraum erfüllen zu können. Und vielleicht endlich die Sprache meiner Mutter beherrschen zu können.

Ohne Scheitern und Rückschlag und Enttäuschung wäre ich ganz wo anders und ich glaube, dass ich wahrscheinlich weniger glücklich wäre. Und das noch nicht einmal bemerken würde – vielleicht mag genau das das Tragischste daran sein. Ich wäre ganz wo anders, wäre nicht ich selbst. Und würde ich dann fallen, irgendwann, wäre ich unvorbereitet, unfähig.

Also nehme ich die Kälte an und breche das Eis – für einen noch viel lauteren, bunteren, wunderbareren Sommer.
Und bin dankbar.
Für jedes Scheitern und all das Großartige, was mit Vertrauen und Leidenschaft daraus wachsen kann.

1 Comment

  • Reply Franziska Nazarenus 26. März 2018 at 15:37

    Wow, wow, wow. Du bist wirklich eine sehr talentierte Texterin. Du hast das Thema „Scheitern“ wunderschön verpackt.
    Danke dafür.
    xx Franzi 🙂

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