Lasst uns noch austrinken

IMG_0733bkl2Ich weiß, es sind nur noch zwei Monate. Und das ist verdammt wenig. Aber wir machen das Beste draus. Wir werden’s genießen – versprochen. 
– habt ihr noch einen Moment?

Das Unabwendbare war nur noch eine Haaresbreite entfernt. Wir sahen es, das Unumgängliche, Unabdingbare, mit festem Schritt auf uns zugehen. Bedrohlich und unumkehrbar. Blickte uns direkt in die Augen. Unbehagen. Und Angst. Der finale Countdown. Die Null, die hier niemand mit Spannung erwartete. Und jeglicher Trotz, jeglicher Versuch, uns dagegen aufzulehnen, war zwecklos. Unsere Finger glitten durch hohles Nichts, kraftlos und machtlos durch die Zeit. Ein finaler Countdown, der schließlich zu Ende ging. Aber doch längst nicht das Ende bedeutete.

Ich möchte euch sagen: Es ist doch viel zu früh! Und ich fürchte mich. Habe Angst, den Moment vergehen zu lassen. Den Rücken zu kehren. Mich umzudrehen, zurückzublicken. Durch beschlagene Scheiben und verschlossene Türen. Es ist zu früh. Zu früh, meinen Stammplatz im Café neu zu besetzen. Die Erinnerungen, Geschichten und Momente, uns – einfach unter den Tisch zu kehren, gedankenlos. Ganz beiläufig. Aber einen leeren Platz starrt doch niemand gerne an! Nur ist es zu früh. Zu früh und vielleicht gibt es keinen richtigen Augenblick. Das Glas bekommt Risse – bitte, lasst uns Acht geben, dass es nicht bricht. 

Lasst uns noch einen Moment hier verharren, mit echtem Lächeln, echten Worten, noch einen Moment wir sein. Uns genießen. Lasst uns noch in Ruhe austrinken. Der Tee ist noch nicht kalt. Und lasst auch uns nicht einfrieren. Lasst uns die Momente aufwärmen. Leben einhauchen und lebendig lassen. Über Geschichten lachen, die nur wir kennen. Melodien singen, die nur wir verstehen. In Erinnerungen schwelgen, die nur uns gehören. Und neue schaffen. Eine ganze Menge davon. An diesem Ort, den wir alle so schnell hinter uns lassen wollten. An diesem Fleck, der uns ja trotzdem irgendwie so schrecklich viel bedeutet. Und überall sonst auf der Welt.

IMG_0700klUnd die Tränen, die Distanz. Wieder-Abschied-Nehmen. Worte aus dem Telefonhörer, so weit weg, nicht greifbar. Und keine echte Berührung. Umarmungen, die Ausbleiben. Alleine der Gedanke daran. Macht uns das schwach? Schwach – oder gleichgültig?

Ich will die Tränen! Will himmelhoch jauchzend in eure Arme fallen, die Augenblicke bis zum baldigen Abschied auskosten, genießen. In vollen Zügen. Mir die Momente auf der Zunge zergehen lassen. Und mir den Geschmack ganz genau einprägen. Und ich will euren Zug abfahren sehen, mit tränenverhangenem Blick. Geröteten Wangen. Auf ein Wiedersehen. Bis zum nächsten Mal.
Tränenbefleckte Briefe und ganze viele „Ich vermisse dich“s. Koffertragen und gebuchte Tickets. Nur nie genug, dass es für jeden von uns reicht. Ich wünschte, ihr wärt jetzt hier. 

Weißt du noch? Es ist schon eine ganze Weile her.
Die Veränderung ist gut – das wollte ich so. So hab ich’s mir gewünscht. Mit euch. Wenn auch nicht ganz so, wie früher. Und jetzt sehe ich – vielleicht ist es gar nicht schlecht so. Denn meinen Lieblingstee trinke ich nicht zu häufig. Um ihn jedes Mal umso mehr genießen zu können. Und niemals genug davon zu bekommen. Damit er immer besonders bleibt.

Das Café ist ein anderes und vielleicht sind wir auch nicht mehr die Selben. Die Treffen seltener, die Tage kürzer. Die Winter hier sind kälter. Länger. Aber wir sind immer noch wir. Nur bunter. Besonderer. Und ich schätze euch wie nie zuvor. Denn vielleicht macht das, wovor wir uns einst fürchteten, wovor wir uns versteckten aber nicht beschützen konnten, größer. Wir sind immer noch wir. Hier. Fast, als wären wir nur ein bisschen beschäftigter. Oder eben ein bisschen weiter voneinander entfernt. Wachsen aneinander. Und lernen, zu schätzen. Begreifen. Neue Perspektiven. Distanz. Aber trotzdem, das alles, gemeinsam. Wir haben das Ende des Stegs erreicht. Und was dahinter auf uns wartet, ist das Meer. Die Unendlichkeit. Ein Meer aus Unendlichkeit – für uns.

Lasst uns noch in Ruhe austrinken. Schenk ruhig nochmal nach. Denn wir haben Zeit. Wir haben das Leben.

IMG_0741bklIMG_0638klIMG_0751bklPhotos by Caro

1 Comment

  • Reply Flo 27. November 2015 at 15:14

    Find deine Seite echt schön und tolle Texte 🙂

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