Irgendwo da draußen

INT_9877-EditklWährend ich diese Zeilen lese, fühlt es sich fast an, als könne ich die klagenden Schreie zwischen tobendem Hass und gebrochenen Seelen hören. Die Verzweiflung und Angst, schmerzende Ungewissheit und unerträglicher Verlust – fast kann ich es spüren, die unsichtbare Hand auf meinen Schultern, die mich in die Knie zwingen, unter Wasser drücken will. Unaufhörlich. Das leise Stechen im Rückgrad – nagende Ungewissheit. Entsetzen. Todesangst. Fast spüre ich die dumpfe Erschütterung unter meinen Füßen – tatsächlich fühle ich die Erschütterung in meinem Herzen.

Politik ist normalerweise nichts, womit ich mich überdurchschnittlich viel beschäftige. Dennoch, informiert sein ist gut, informiert sein ist wichtig – über die kleineren Übel, hierzulande. Und über gigantische Übel – hässliches Wüten – irgendwo da draußen. Nicht hier. Weit weg. Hinter dem Bildschirm. Irgendwo zwischen Bundesliga und Heiratsanzeige in der Tageszeitung, zwischen Booty of the Day und niedlichem Katzenvideo auf Facebook. Weiterscrollen. Und im nächsten Moment denke ich darüber nach, diesen quietschbunten Regenbogenkuchen am kommenden Wochenende nachzubacken. Wahrscheinlich pappsüß – aber probieren will ichs trotzdem.
Wimmernde Augen eines Flüchtlingskindes, Kylies Lipkit. Like. Dann der Eiffelturm – Pray for Paris. Perfekte Körper, die sich an Traumstränden räkeln, ein #ootd nach dem anderen. Sperrtaste. Und das Leben geht weiter.

Dürfen wir das? Haben wir uns durch First-World-Distanz, durch arrogantes Selbstverständlichkeitsgefühl zu chronischen Ignoranten entwickelt?

Das alles, die Grausamkeit, der Hass geschieht – irgendwo da draußen. Und ist kaum greifbar, für uns, hier. Kaum vorstellbar. Dass vielleicht auch wir das sein könnten. Unsere Familie, Geliebten. Wandernde Seelen, gebrochene Gemüter. Rastlos. Das Damoklesschwert stets schwebend über dem eigenen Haupt. Dem Tod in die Augen blickend, dessen eiskalten Hände an den nackten Knöcheln spürend. So ist das hier nicht, bei uns. Wir haben ja keine Vorstellung.
Wir sind so weit weg, von all dem.
Dennoch – es existiert. In einer Welt, in der auch wir leben.

Aber wir wollen doch handeln! Wollen am liebsten mit Händen und Füßen um uns Schlagen wie ein hilfloses Neugeborenes. Wir wollen ja! Der Machtlosigkeit entkommen. Doch hält sie an uns fest, hämisch grinsend und ich fühle mich lächerlich. Mit absurden Sorgen und nichtigen Gesprächen, Belanglosigkeit und Irrelevanz die ich vor mir herschiebe. Denn die Erschütterung, das Mitgefühl, Menschlichkeit, die wir im Stillen entgegen bringen, der wir wenige Sekunden zugestehen, bevor wir uns dem nächsten Goodlife-Post widmen, bewegt rein gar nichts. Und verfliegt in Nichtigkeit. Und ich fühle mich lächerlich. Fühle mich lächerlich mit unserem zelebrierten Materialismus, unserer scheußlichen Gier nach mehr – aber vor allem mit der Selbstverständlichkeit, die wir all dem viel zu häufig entgegen bringen.

Und die wenigen Sekunden der Erschütterung, der Fassungslosigkeit, Sekunden die zu Minuten werden und uns hin und wieder für Stunden, Tage bleischwer in den Knochen liegen, uns wie eiskaltes Wasser aus unserer Distanziertheit reißen – diese Momente führen mir Mal für Mal vor Augen, was wir hier eigentlich haben. Welch lächerliches Glück. Welch gnädige Gunst uns das Schicksal erweist. Tag für Tag. Und ja das könnten wir sein, tatsächlich. Unsere Familie, Geliebten. Das könnten du und ich sein, irgendwo da draußen.
Und vielleicht ist diese scheußliche Tatsache die größte Ungerechtigkeit auf der Welt – dass wir durch reinen Zufall, reines Glück oder fürchterliches Unglück hilfslos hineinrutschen – in ein Hier und Jetzt, das wir uns nicht ausgesucht haben.
Und ja ich habe das Glück, das mir gewährt, genießen zu dürfen und zu leben. Das Privileg, mir über Nichtigkeiten den Kopf zerbrechen zu dürfen. Und Katzenvideos zu sehen, so viele ich will. Regenbogenkuchen zu backen, so oft ich will. Aber mich auch Problemen zu stellen, Ängste überwinden. Doch das mit Zuversicht, furchtlos – denn gerade bin ich in Sicherheit. Hier. In meinem Jetzt. Zuhause. Schützende Hände an Stelle einer Klinge am seidenen Faden über meinem Haupt. Geborgenheit. Und Akzeptanz. Toleranz und Gleichberechtigung. Chancen, für jeden hier. Und all das – selbstverständlich. Nur dürfen wir diese Selbstverständlichkeit niemals für selbstverständlich nehmen.
Und ich kann es nicht fassen – mein Glück.

All das ist längst nicht reine Politik.
All das ist Menschlichkeit.
Und das geht uns alle etwas an.
Und wir alle können daraus lernen.
Bescheidener zu sein.
Und vor allem dankbar zu sein.
Für unser Jetzt.
Und dafür, dass wir hier sind. In Sicherheit. Und nicht irgendwo da draußen.

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Photos by Ivan Tonev

3 Comments

  • Reply Elena 2. April 2016 at 12:41

    Du hast so recht mit dem Text. Ich mache mir oft die gleichen Gedanken.

    Alles Liebe♥

  • Reply Fiona 2. April 2016 at 9:31

    Oh toll – die Bilder sind ja echt wunderbar geworden <3
    Liebe Grüße, Fiona THEDASHINGRIDER.com

  • Reply Naelle - Once in Paris 31. März 2016 at 11:07

    ein wunderbarer Artikel, ich denke so wie du… deswegen engagiere ich mich immer mehr, weil ich irgendwie mich selber ankotze, wenn ich stundenlang online shoppe und dann bei glutenfreien cupcakes abends die nachrichten sehe und denke „hm, die geburtslotterie hatte es gut mit dir gemeint….“

    und deine photos sind wunderschön!

    lg aus Paris!

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