Frische Luft tut so schrecklich gut.

IMG_9068bbklEs ist nicht das erste Mal, dass ich mich in einem Gespräch wiederfinde, das viel tiefer reicht, als es in dem Moment scheint und meine Gedanken ins Wanken bringt, auch wenn wir unsere Worte mit einem prächtigen Ensemble von lächerlicher Spekulation und mädchenhaftem Herumalbern begleiten. Es ist ein Moment den ich genieße, denn wir lachen und planen, wir erinnern uns zurück und blicken in die Zukunft – erwartungsvoll, sorglos. Und zwischen viel Scherz und Unbekümmertheit, zwischen geplanten Friseurbesuchen und einem Sprung übers Feuer – im wahrsten Sinne des Wortes – rutschen wir, ohne es augenblicklich zu merken hinein in ein Thema, das uns und wahrscheinlich die meisten noch eine ganze Weile beschäftigen sollte. Selbstfindung.

Wer bin ich? Was macht mich aus?
– Ich verharre einen Moment ehe ich mich selbst ohrfeigen will, für Wochen, die ich habe verstreichen lassen, ohne meinen Laptop aufzuklappen und die Buchstaben in das leere Kästchen meines Internetbrowsers einzutippen, die mich sonst immer haben aufatmen lassen. Möchte mich zurückerinnern, wann ich das letzte Mal zum Notizbuch gegriffen habe, um zu schreiben. Ich meine, richtig zu schreiben. Mehr als ein paar flüchtige Worte, die nicht vergessen werden wollen. Ich meine Zeilen über Zeilen, vollgepackt mit Einfällen und Erfahrungen bis oben hin, Worte die nahezu überschäumen an Emotion, an Gedanken, an mir.
Es ist eine Weile her, tatsächlich. Und habe ich auch in stillen Momenten daran gedacht, mit geballten Fäusten und zusammengekniffenen Augen versucht, mir eine gedankliche Notiz ins Gedächtnis zu brennen, habe ich die Worte ruhen lassen und im Inneren aufbewahrt. Beiseite gelegt, behutsam – in eine hübsche Schatulle, zu der ich ab und an begierig hinüberschielte und dann inne hielt. Um dem richtigen Moment, um sie herauszukramen, nicht zuvor zu kommen. Um den inneren Schätzen die Zeit zu geben, sich von einem Rohdiamanten in einen schimmernden Edelstein zu verwandeln.
Weil wir sie brauchten und stets benötigen, die Zeit.
Denn die Momente, über die ich schreibe, müssen zuerst einmal geschaffen werden. Sterne müssen gezählt und Weingläser geleert werden, Gänsehaut gespürt und Lachen geteilt werden, Gefühle offenbart und Geheimnisse bewahrt werden. Mit Kerzenschein und Bauchflattern, mit geplanten Abenteuern und den Träumereien davon, mit Geständnis und Eingeständnis, mit Mut und Biss, mit Veränderung, mit einem Sprung übers Feuer.
Und dann Stille. Feierliche Ruhe, melancholische Reflexion. Mit Tintenklecksen auf dem Papier und einer Hand, die mir davon läuft und die Worte wie von ganz alleine auf das Weiß purzeln lässt. Es ist so viel passiert.
Und das musste sein.
Weil wir sie brauchen, die Zeit.
Zeit die wir uns viel zu selten nehmen, um durchzuatmen und zu erleben. Zeit, auch mal auf den Seitenstreifen auszuweichen – oder gleich auf den Bürgersteig, zu Fuß. Denn frische Luft tut so schrecklich gut.
Frische Luft, die ich gebraucht habe. Durchatmen, abseits vom Social-Media-Trubel und mich ganz auf mich konzentrieren – wenn auch unterbewusst. Auf mich und darauf, was ich sein möchte, wohin ich will. Und zu genießen, ganz ohne Druck. Ohne inneren Alarm – kreischend, die Sicht vernebelnd.
Und ich brauchte Zeit, die wir uns viel zu selten nehmen, um das richtige Tempo zu finden. Um das Fenster hin und wieder einen Spalt weit zu öffnen, um das herrliche Kitzeln des kühlen Fahrtwindes auf der Haut zu spüren. Aber dennoch weiterzufahren.
Und wir brauchen die Zeit, um neue Seiten an uns zu entdecken, ohne die alten ganz zu verlieren. Ohne in dem Trubel nachlässig zu werden und die bedeutungsvollsten Dinge versehentlich in die unterste Schublade zu verstauen. Denn es ist viel zu schade um das Lieblingsteil, das vielleicht bereits fast in Vergessenheit geraten ist und durch reinen Zufall wieder in die Hände fällt und man dann erst merkt, wie sehr es doch gefehlt hat.
Ab jetzt alles ins obere Fach – auf Augenhöhe und stets im Blick.
IMG_9259bbklWir sprachen über Selbstfindung und den Weg dort hin. Und darüber, dass es den vielleicht gar nicht gibt. Dass ich mich nicht in neuen Haarfarben, prickelnden Romanzen und spontanen Flügen ins große Vielleicht wiederfinde. Aber dass ich mich mit allem, was ich tue, selbst erfinde. Wieder und wieder. Und wahrscheinlich ist es das, worum es geht. Und was ich nicht vergessen will, damit all das hier bedeutsam bleibt. Damit mir mit den Jahren keine Scheuklappen wachsen, damit ich nicht festfriere, ohne es überhaupt zu begreifen. Damit ich neue Wege gehe, andere Blickwinkel einnehme. Wage und wagen muss, niemals verlerne, das Kribbeln im Bauch im Angesicht mit der Ungewissheit zu verspüren.
Ich will mich neu erfinden, von Zeit zu Zeit, will neues Terrain betreten ohne den heimischen Boden zu verlassen.
Denn ich merke wie gut das hier tut, zu schreiben – denn das ist ein Teil von mir.

Ab jetzt, alles in die Waagschale.
Es ist nicht leicht, das Gleichgewicht zu finden.
Es ist nicht leicht, sich selbst zu finden, zu erfinden.
Die ersten Schritten sind stets wackelig, unsicher. Eine Zehenspitze zu behutsam, ein wenig zu schreckhaft.
Bis man lernt zu gehen.
Mit der Zeit.
Erhobenen Hauptes –
Im Gleichgewicht.
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7 Comments

  • Reply CHRISTINA KEY 22. März 2016 at 18:51

    Wow!
    Toller Text und wundervolle Fotos! 🙂
    Die Stimmung ist richtig super!

    XX,
    Photography & Fashion Blog

    CHRISTINA KEY
    http://www.CHRISTINAKEY.com

  • Reply Lottie 21. März 2016 at 16:38

    Da hast du absolut recht – und die Bilder sind SO SCHÖN! Weiter so hübsche!
    Lottie von http://www.lottieslife.com

    • Reply Joana Catarina 30. März 2016 at 17:56

      Danke dir, Lottie! Freut mich sehr, das von dir zu hören – verfolge dich schon lange auf Instagram und bin so begeistert von deinen Bildern ♥

  • Reply Katja Heinemann 20. März 2016 at 21:10

    Oh, ich bin gerade über die Facebookgruppe auf deinen Blog gefunden und komme aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Schon lange bin ich auf der Suche nach Blogs wie deinen und werde auf jeden Fall als Leser hierbleiben. Du bist mir richtig sympathisch.
    Hast du auch ein Instagramprofil? Das Widget in deinem Footer zeigt es bei mir leider nicht an :/
    Ganz liebe Grüße
    Katja
    http://www.amoureuxee.de

    • Reply Joana Catarina 20. März 2016 at 22:58

      Oh dankeschön Katja, das ist so ein tolles Kompliment! Ich freu mich riesig 🙂 Und danke auch, dass du mich auf das Widget hingewiesen hast, weiß leider auch nicht, was da auf einmal los ist.. Werde mich aber direkt darum bemühen, das Problem zu beheben 🙂
      Auf Instagram findest du mich unter joanacatarina
      Liebe Grüße ♥

  • Reply Saskia-Katharina 20. März 2016 at 18:04

    Wunderschön geschrieben, Zeit und Geduld ist für mich sehr wichtig, genauso wie die Natur und die ersten Frühlingsboten. Deine Zeilen haben mich
    inspiriert und zum Nachdenken gebracht. Frische Luft einatmen, jetzt gleich 🙂

    Liebe Grüsse,
    Saskia-Katharina von http://www.horizont-blog.net

    • Reply Joana Catarina 20. März 2016 at 22:55

      Danke dir, das freut mich sehr! ♥

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