Dornröschenschlaf

IMG_4437bEs ist Punkt 9 Uhr und das bohrende Klingeln des Weckers erinnert mich daran, dass ich heute doch früh aufstehen wollte. Mein Blick, völlig vernebelt vom Schlaf, fällt auf die zarten Sonnenstrahlen, die durch die winzigen Spalten der Rolländen ins Zimmer fallen. Mir sanft ins Ohr flüstern: Zeit aufzustehen!  Und dann schwere Augenlider, die mir die Sicht nehmen. Meine Hand, die wie von selbst, ihren Weg zur Schlummertaste findet. Eine halbe Stunde noch. Das geht schon, belüge ich mich selbst und drehe mich auf die andere Seite. Lasse mich mit einem tiefen Seufzer in die himmlischen Tiefen meines Kissens sinken, ziehe mir die jetzt gerade ganz besonders wunderbar wärmende Decke über die Schultern. Und drifte ab. Zurück in den Schlaf.

Es ist der Alltag, der mir fehlt. Routine. Regeln. Stattdessen lebe ich in den Tag hinein, und das schon eine ganze Weile. Ohne Pflichten, kaum Termine. Und fühlte mich anfangs frei, unendlich wie Pocahontas. Und dann fror die Zeit ein. Und ich mit ihr. Ein Segelboot auf offener See – doch kein Wind mehr, der mich treibt. Richtung Land. Richtung Ankommen. Und das lässt mich Gefahr laufen, die Zeit verstreichen zu lassen. Ich hab doch so viel Zeit. Ausschlafen. Überschlafen. Das alles kann ich ja auch noch morgen machen. Etwas fehlt mir. Ein Zeitplan. Menschen begegnen, lernen, bewältigen. Abarbeiten. Pflicht. Alltag. Stolz und ein bisschen Erfolg. Und dann der Ansporn, weiter zu machen. Die freien Tage zwischendurch umso mehr genießen. Den Feierabend schätzen. Bewegung. Versteht mich nicht falsch! Eine Weile ohne Aufgaben ist toll, den Tag verstreichen zu lassen ohne nur einmal auf die Uhr zu blicken, die Zeit voranschreiten zu lassen ohne keuchend hinterher laufen zu müssen. Eine Weile. Aber nicht länger. Denn wir brauchen den Alltag eben so sehr, um die Flucht daraus zu wertschätzen, wie hin und wieder Trauer und Fehlschlag nötig ist, um Glück wirklich als solches wahrzunehmen. Um zu genießen. Um dankbar zu sein. Und ja, ich ärgere mich schrecklich über mich selbst, dass ich die freien Monate nicht besser nutze. So tatenlos kenne ich mich gar nicht. Aber ich versuche es doch, ja wirklich! Gebe mein bestes. Aber das wird langweilig, irgendwann. Öde. Und ich werde träge. Habe nichts was mich trägt, treibt. Sitze wie gelähmt herum und warte auf den Sturm. Es ist noch etwas über einen Monat, bis ich ins eiskalte Wasser geworfen werde. Pauken, Bücher wälzen. Morgens früh das Haus verlassen. Pflicht, Klausur, tiefe Augenringe und täglich der Gedanke, vielleicht doch besser mit dem Kaffee trinken anzufangen. Vielleicht ein bisschen überfordert, anfangs, aber dann lernen, trotzdem weiter zu schwimmen. Denn das alles lohnt sich, das hat einen Sinn! Und ich freue mich drauf, wie verrückt! Das mag für so Manchen völlig bescheuert klingen und auch mein vom Abiturstress geplagtes 18-jähriges Ich hätte mich gerade stirnrunzelnd ohne den leisesten Anflug von Verständnis angeblickt. Doch genau das ist es, was ich gerade jetzt unbedingt brauche. Wind in den Segeln. Ein Ziel vor Augen. Feuer unterm Hintern, lodernde Blicke. Entschlossenheit. Tatendrang! Aus meinem Dornröschenschlaf erwachen. Aber so lange will ich nicht mehr warten!,  schimpft mein Ehrgeiz. Der Kern ist bereits geschmolzen – jetzt gilt es nur noch, die dicke Eisschicht darüber zu zerbrechen. Also kneife ich mich jetzt ganz fest selbst in den Arm – aufwachen!  Und bis die Universität ihre Pforten für mich öffnet: schreiben, ganz viel davon. Weiterbilden, ganz von selbst. Vielleicht damit anfangen, eine Sprache zu lernen? Die Wohnung in mein persönliches Wohlfühlparadies verwandeln. All das tun, was sich so furchtbar leicht aufschieben ließ. Endlich die verstaubte To-Do List unter dem Tisch hervorholen, abarbeiten. Entdecken, erleben. Auftauen. Ich bin müde vom Stillstand. Das war ich schon viel zu lange. Nur muss ich mich hin und wieder selbst daran erinnern. Den Kuss eines edlen Prinzen auf weißem Schimmel brauch ich nicht. Benötige keine Hilfe, um das Leben jetzt mit beiden Händen fest anzupacken. Ich selbst, ganz alleine. Ich rüttele mich selbst wach.

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Rock von H&M (ähnlich hier)
Basic Shirt von H&M
Kunstlederjacke von Zara (ähnlich hier)
Karohemd von Zara (ähnlich hier)
Boots von Zara (ähnlich hier)
Tasche von Forever 21 (in beige hier, ähnlich hier)

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